Rabenmutter! – mein Sohn wohnt bei Papa

Rabenmutter

.. und das ganz freiwillig!

Hallöchen,

heute mal zu einem Thema, das mit schon lange quer liegt – seit 8 Jahren ungefähr.

Nämlich seit dem Zeitpunkt, an dem mein Sohn zu seinem Vater zog und ich in den Augen ALLER zur Rabenmutter wurde.

 

Also, ICH könnte das ja nicht…

war noch das Netteste, was ich gehört habe. Alles Andere sollte ich wahrscheinlich auch nicht hören.
Nach dem „Warum?“ wurde ich selten gefragt.
Alle gingen davon aus, dass ich mein Kind nicht wollte. Und dass das Jugendamt mir das Kind weggenommen hat.

Stimmt ja alles nicht. Aber es ist ja ganz leicht, Menschen in eine Schublade zu stecken.
Witziger Weise werden Väter nicht mit solchen Anschuldigungen konfrontiert.

Ich will bei Papa wohnen!

Mein Sohn war schon immer ein Papakind. Vielleicht liegt es daran, dass mein Exmann als Soldat viel auf Lehrgängen und gerade in der Trotzphase auch durch Krankenhausaufenthalte wenig zu Hause war.
Papa war schon immer der Größte, wenn er zu Hause war. Das sag ich Neidfrei, denn auch für mich war es das Größte, wenn er zu Hause war. 😀

Als ich mich 2009 von meinem Mann trennte war ich in den Augen meines Sohnes die Böse. Er war damals 4.5 Jahre alt und gab mir die Schuld, dass Papa weg war. In seinen Augen war es das eben. Ich konnte es verstehen.

Aus dem Engel *hust* wurde ein Terrorist

Das klingt böse, ist es auch. Aber mein Sohn wusste genau, wie er mich dazu brachte, mich schlecht zu fühlen. Ja, auch mit 4.5 Jahren kann man das drauf haben.

Ich konnte ihm nichts mehr recht machen.

Es war Hochsommer, morgens um acht schon 20 Grad draußen. Der Zwerg sollte morgens ins Bad, sich die Zähne putzen. Das Fenster war auf und er beschuldigte mich: „Du willst doch, dass ich krank werde!“

Ich hole ihn aus dem Kindergarten ab. Es gab zwei Wege nach Hause und ich fragte ihn, wo er lang lang fahren möchte. Er meinte, ich solle entscheiden.
Ich entschied mich für den kürzeren Weg, allerdings mit Bremshügeln.
In seinen Augen habe ich den Weg nur ausgesucht, weil ich wollte, das ihm schlecht würde.

Sobald er irgendein Verbot bekommen hat: „Ich wünschte du wärst ausgezogen und nicht Papa!“ oder „Ich will bei Papa wohnen!!“

Wie soll man sich entscheiden?

Irgendwann war ich es leid. Ich haderte schon eine Weile mit dem Gedanken, ihn wirklich bei Papa wohnen zu lassen. Ich hatte die Schnauze voll von den ewigen Rumstänkereien, dem Geheule, dem Gezanke, den Vorwürfen.  Immer öfter dachte ich: Jetzt ist er 4. Was ist, wenn er 14 ist? Er hasst mich vielleicht noch mehr, als jetzt und gerät möglicherweise auf die falsche Bahn.

Aber andererseits (Achtung, hier kommt ein Vorurteil!), ein Kind gehört doch zu seiner Mutter! Und mein ganzes Leben war auf Ihn ausgerichtet. Ich hatte keine oder nur wenig Zeit für Hobbies und Freunde. Was mach ICH denn dann? Und was sagen die Leute??

All meine Argumente hatten eigentliche nur egoistische Hintergründe. ICH ICH ICH. Was denken die Leute über MICH? Womit fülle ICH MEIN Leben aus. Was mach ICH denn dann bloß?

Und Tschüss!

Ich habe beim nächsten Ausraster meines Sohnes trotzdem meinen Exmann angerufen und mein Sohn fragte, ob er bei ihm wohnen kann. Ich hatte mit mehr Widerstand gerechnet, ehrlich gesagt. Oo
War aber nicht so. Mein Exmann suchte eine größere Wohnung und sechs Wochen später tauschten wir die Rollen. Ich wurde zur Wochenendmama und mein Exmann zum alleinerziehenden Vater.

Und dann gings los.
Beinahe alle Freunde, Bekannte und allem voran die Omas und Opas waren geschockt! Die Einen ließen es sich mehr anmerken, die Anderen weniger.
Am Schlimmsten waren aber eigentlich Leute, die mich/uns gar nicht kannten.

Ich bin also zum Laternumzug im neuen Kindergarten meines Sohnes. Hinter mir tuschelts.
Das ist doch die, die ihr Kind im Stich gelassen und zum Vater abgeschoben hat, oder?“ Ich schwöre, wären wir nicht umringt von Kindern gewesen, wäre das der Moment, in dem der Guten mal jemand ein FUCK YOU! ins Gesicht gesagt hätte.

Alle hielten mich für eine Rabenmutter.

Jedesmal, wenn ich jemanden kennen lernte, egal ob Mann oder Frau, kriegten sie große Augen, wenn ich sagte, dass mein Sohn bei seinem Vater wohnt. Danach folgte immer das Gleiche: Betretendes Schweigen. Und jeder von denen stellte sich nur eine Frage: Was bist du denn für eine Schlampe, dass das Jugendamt dir das Kind weggenommen hat?

Richtig lustig wurde es dann, wenn man selbst gleich hinterher sagt: Das haben wir drei unter uns entschieden, das Jugendamt hatte damit nichts zu tun. ZACK – alle beeilen sich sofort zu sagen: „Jaja, das dachte ich mir schon.“ – Ja, klar 😀

Mein Exmann hatte übrigens ein ähnliches Problem. Er bekam ständig Mitleid als alleinerziehender Vater und musste sich die Beschimpfungen über mich erstmal anhören, bevor er dazu kam zu sagen: „Ähm neee.. so war das aber gar nicht.“

Also Leute, es ist doch das Gleiche überall:
Hört Euch erst die Geschichte an. Und Urteilt dann. Kann doch nicht so schwer sein.

Übrigens: ab dem Zeitpunkt, ab dem mein Sohn bei seinem Vater wohnen durfte, haben wir uns super verstanden. Er war dann gern bei mir, hat seine Wochenenden genossen. Noch heute, als Teenager erzählt er mir von seinen Problemen. Und obwohl er inzwischen mit seinem Vater 300 km weggezogen ist, haben wir Wzapp sei Danke, regelmäßigen Kontakt und sind immer für den Anderen erreichbar.

Und Ihr? Was habt Ihr für Erfahrungen? Oder seid Ihr möglicherweise auch mit Vorurteilen behaftet?

** Infos und Hilfe für Alleinerziehende findet ihr übrigens beim Verband für alleinerziehende Mütter und Väter. **

Und wenn Ihr wissen wollt, wie eine Rabenmutter plötzlich zu 3 weiteren Kindern kommt, könnt Ihr hier lesen, wie sich mein Leben von heute auf morgen änderte.

Love,
nina

PS: Raben sind übrigens zu Unrecht verschrien. Das Wort Rabenmutter oder Rabeneltern sollte eigentlich eine Auszeichnung sein.

Rabeneltern schaffen, was vielen Menschen-Paaren misslingt: Hat sich ein Kolkraben-Pärchen einmal gefunden, bildet es einen Bund fürs Leben, bleibt treu und zieht gleichberechtigt die Brut groß. Dabei zeigen die intelligenten Vögel ihre stark ausgeprägte Fürsorge. „Wären Raben tatsächlich schlechte Eltern, wären sie längst ausgestorben“

Wer sich für den ganzen Artikel interessiert, kann ihn auf Spiegel Online nachlesen. Von dort stammt mein Zitat.

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